Die Merseburger Zaubersprüche auf dem Weg zum UNESCO-Weltdokumentenerbe

Die Abgeordnete im Europäischen Parlament, Alexandra Mehnert, besucht die Domstadt Merseburg und unterzeichnet eine Erklärung zur Unterstützung der Merseburger Zaubersprüche auf dem Weg zum UNESCO-Weltdokumentenerbe

Die Merseburger Zaubersprüche sind das älteste althochdeutsche Textdokument und damit ein wichtiges Zeugnis für die Entwicklung der deutschen und anderer europäischer Sprachen. Sie sind die einzigen in Deutschland erhaltenen heidnischen Beschwörungsformeln, aufgeschrieben von einem Mönch vor mehr als 1000 Jahren und verwahrt in der Domstiftsbibliothek Merseburg. Die Zeilen geben magische Beschwörungsformeln aus vorchristlicher Zeit in seltener Ursprünglichkeit wieder und halten damit heidnisch-germanisches Brauchtum fest.

Während der erste Vers gesprochen wurde, um Gefangene aus ihren Fesseln zu befreien, sollte mit dem zweiten die Heilung einer Fußverletzung bewirkt werden.

Die streng geformten Sprüche offenbaren die besondere Klangfülle althochdeutscher Sprache. Mit den Mitteln von Wiederholung, Gleichlauf und Schlussbeschwörung wird eine magisch-zwingende Ausstrahlung der Rede angestrebt. Beachtenswert ist der Umstand, dass die Merseburger Zaubersprüche das einzige bekannte althochdeutsche Sprachzeugnis darstellten, in dem Gestalter der germanischen Götterwelt (Wodan, Balder, Friia, Volla, Sunna, Phol, Sinhtgunt) agieren.

Die Aufzeichnung dürfte, wie man jetzt annimmt, im ersten oder zweiten Drittel des 10. Jahrhunderts erfolgt sein. Die Merseburger Zaubersprüche erhielten ihren Namen nach dem Fundort. Entdeckt wurden die Zeilen erst im Jahre 1841 von dem in der Wissenschaft weithin bekannten Historiker Georg Waitz in der Bibliothek des Domstifts Merseburg. Er selbst verzichtete auf eine Veröffentlichung der Zaubersprüche und überließ sie den Brüdern Grimm zur Bearbeitung. Jakob Grimm wählte die Merseburger Zaubersprüche zum Thema seines Antrittsvortrags der Berliner Akademie der Wissenschaften am 3. Februar 1842. Grimm würdigte die überlieferte Handschrift als „… Kostbarkeit“, der „keine Bibliothek in Deutschland … etwas zur Seite zu stellen [habe].“

Im Zauberspruchgewölbe im Merseburger Dom werden die Merseburger Zaubersprüche im Faksimile präsentiert. Hier können die Besucher des Doms sich intensiv mit den Zaubersprüchen, ihrer Herkunft, Überlieferung und Übersetzung auseinandersetzen.

Bereits 2021 haben die Vereinigten Domstifter gemeinsam mit Privatdozent Dr. Wolfgang Beck vom Institut für Germanistische Literaturwissenschaft der Universität Jena den Antrag gestellt, die Merseburger Zaubersprüche ins UNESCO-Weltdokumentenerbe eintragen zu lassen. Dieser ist im September 2021 vom deutschen Nominierungskomitee „Memory of the World“ einstimmig angenommen worden. Im Herbst 2025 werden die Zaubersprüche bei der Sitzung des Sekretariats der UNESCO in Paris durch das Auswärtige Amt eingereicht.

Um das Ziel, UNESCO-Weltdokumentenerbe zu werden, zu erreichen, bedarf es großer Unterstützung. Am 6. Februar 2025 besuchte die Abgeordnete im Europäischen Parlament, Alexandra Mehnert, Merseburg und den Merseburger Dom. Ihr wurden die Merseburger Zaubersprüche im Original präsentiert und sie unterzeichnete anschließend eine Erklärung zur Unterstützung der Zaubersprüche auf dem Weg zum UNESCO-Weltdokumentenerbe. Frau Mehnert sagte nach der Unterzeichnung: „Die Merseburger Zaubersprüche und alles, was ich hier kennen lernen durfte, leben von allen Akteuren, der Stadt, den Schulen, und den Vereinigten Domstiftern, das beeindruckt mich sehr“. Der Stiftsdirektor der Vereinigten Domstifter, Dr. Holger Kunde, betonte, „dass er sich durch die Unterzeichnung der Unterstützungserklärung erhofft, dass Frau Mehnert den Prozess der Antragstellung weiter begleitet und im europäischen Kontext unterstützen kann“.

Erklärung

Die Merseburger Zaubersprüche – ein europäischer Text aus Sachsen-Anhalt auf dem Weg zum Weltdokumentenerbe

Die Merseburger Zaubersprüche aus der Merseburger Domstiftsbibliothek (Cod. I, 136) sind das älteste althochdeutsche Textdokument und damit ein wichtiges Zeugnis für die Entwicklung der deutschen und anderer europäischer Sprachen. Inhaltlich spiegeln sie die religiösen und magischen Vorstellungen in der Mitte Europas vor der Christianisierung. Der Überlieferungskontext, eine christliche Sammelhandschrift, belegt das Fortwirken magischer Praktiken ebenso wie Bemühungen um die Christianisierung Europas. Die Aufzeichnung der Sprüche kennzeichnet den Übergang von einer oralen zu einer schriftlichen Kultur. Diese Aspekte – Magie, Christianisierung, zunehmende Schriftlichkeit – stellen die Merseburger Zaubersprüche in einen weltweiten Kontext der Menschheitsentwicklung die zu einer Aufnahme in das Weltdokumentenerbe (Memory of the World) berechtigen. Das UNESCO-Weltdokumentenerbe (Memory of the World) beinhaltet dokumentarische Zeugnisse von außergewöhnlichem Wert für die Menschheitsgeschichte. Deutschland verfügt über 30 Einträge in das Register, darunter die Himmelsscheibe von Nebra.

Im Herbst 2021 haben die Vereinigten Domstifter die Bewerbung für die Aufnahme der Merseburger Zaubersprüche in das Weltdokumentenerbe gestartet. Am 28. September 2021 beschloss das deutsche Nominierungskomitee einstimmig die Aufnahme auf die Liste der perspektivisch einzureichenden Anträge. Nunmehr ist es möglich, dass die Zaubersprüche im Herbst 2025 bei der Sitzung des Sekretariats der UNESCO in Paris durch das Auswärtige Amt eingereicht werden.

Im Merseburger Dom und in Merseburg stehen die Zaubersprüche als wertvolles Zeugnis der Vergangenheit bereits seit ihrer Entdeckung 1841 im Zentrum des Interesses. Zahlreiche Publikationen, Vorträge, Ausstellungen und Initiativen widmen sich seither den Zaubersprüchen. Derzeit wird im Rahmen einer Machbarkeitsstudie untersucht, inwieweit die Merseburger Zaubersprüche touristisch und für die Bildung weiter genutzt werden können. Ziel ist es, die vorhandene Ausstellung im Zauberspruchgewölbe zu überarbeiten und eine eigene Hülle zu geben. Unabhängig davon sollen die Merseburger Zaubersprüche künftig als zentrales Alleinstellungsmerkmal für Merseburg und den mitteldeutschen Raum sowohl Einheimischen als auch Touristen nähergebracht werden.

Die Vereinigten Domstifter sind bester Hoffnung, dass sich Sachsen-Anhalt in absehbarer Zeit mit einem weiteren Weltdokumenterbe-Titel schmücken kann.

Zur Erreichung dieses Ziels bedarf es aller Partner in Europa, Bund, Land und Stadt, die an einem Strang ziehen, um dem wertvollen Kulturerbe der Merseburger Zaubersprüche den ihm zustehenden Rang als Weltdokumentenerbe zukommen zu lassen.

Im Bewusstsein der kulturellen Traditionen des Landes Sachsen-Anhalt, die für die europäische Identität eine entscheidende Bedeutung haben, verpflichte ich mich auf europäischer Ebene für die Belange der Merseburger Zaubersprüche und die Begleitung auf ihrem Wege zum Weltdokumentenerbe einzutreten.

Alexandra Mehnert

Abgeordnete des Europäischen Parlaments

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